das Leben ist kostbar in Bremerhaven

Man hatte mich bereits gewarnt, wem die Begriffe moderne Sklaverei, Kinderarbeit etwas sagen und sich darüber entrüstet, der solle doch besser den Laden mit 3 Buchstaben, für den Verona Pooth wirbt ( Slogan – besser als man denkt … die denkt?) meiden. Hin und wieder jedoch sagt der kleine Teufel auf meiner Schulter geh rein und kauf dir eine Kleinigkeit. Ich war bereits vorbei gegangen an dem rot-weißen Buchstaben, doch irgendwie lockte das Angebot vom vergangenen Sonntag in der Zeitung doch, diese niedlichen Tischdecken in türkis mit weißen Punkten sind aber auch süß. Auf dem Absatz umgekehrt, kurz die Rolltreppe hoch und schon war ich im Hartz 4 Paradies angelangt! Eine Verkäuferin unterhielt sich mit einer Freundin Kundin, ansonsten war noch nicht viel los und nachdem ich mir eine Tischdecke besorgt hatte, stöberte ich noch ein bischen. 20 Minuten später waren die Damen noch immer am reden, sehr laut… unterbrechen wollte ich dies offenbar sehr witzige Gespräch zwar nicht, aber die 2 standen genau dort, wo das große Schild SALE stand, bei der Damenwäsche. Leoparden BHs, Federboas oder Lackstrings stehen ziemlich weit unten auf meiner Liste des guten Geschmacks, hin und wieder ist dort aber auch etwas brauchbares dabei. Noch immer unterhielten sich die 2, und nun verstand ich auch worum es bei der heiteren Unterhaltung ging .

Der Film Precious – das Leben ist kostbar. Für alle, die diesen Film bisher noch nicht gesehen haben, es handelt sich um ein Schicksal einer jungen, sehr übergewichtigen Afroamerikanerin die in armen Verhältnissen aufwächst und von den Eltern misshandelt, vom Vater gar vergewaltigt und geschwängert wird! Nun beschrieb die Kundin eine Syene, die nur sehr schwer mit anzuschauen war. Nämlich der Moment, in dem Precious das Haus ihrer Mutter mit dem Neugeborenen (Kind ihres eigenen Vaters)  verlässt und nur knapp dem Tod entkommt, als ihre Mutter ihr und dem Baby einen Fernseher von der Treppe hinterher schmeißt. Als ich diesen Film sah, hielt ich ein Kissen vor mein Gesicht, in welches ich weinte, weil diese Szene so real im Film dargestellt war und mir bewusst wurde, wie oft solch Mißbrauch hinter verschlossenen Türen passiert. So ging es nicht nur mir.

Nun stand ich hier, sah mir Kleidung an in einem Geschäft, in dem offenbar waren verkauft wurden, die unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen geschaffen worden sein sollen und diese lachende Gestalt erschien mir wie der Wahrhaftige, den all dies nur allzusehr zu amüsieren schien. Am besten jedoch dann der Spruch Man, bin ich froh in Deutschland zu leben! Achso, solche Schicksale gibt es also nur in den USA, Ich vergaß. Zivilcourage oder einfach nicht den Mund halten können, das überlasse ich den Lesern. Mir wurde schwindelig, mir wurde übel. Bereits einmal zuvor bin ich so fassungslos und wütend geworden über soviel Ignoranz… als ich nämlich einen Schulausflug der Grundschule begleitete und mich zu den Lehrern setzte, als die Kinder im Krabbenland spielten. Wenn man selbst weniger redet, dann reden sich einege Damen und herren um Kopf und Kragen. Pädagogisch wertvoll kann es nicht sein, dass einige Lehrer über die Kinder, die wir ihnen anvertrauen so reden, wie ich es erleben musste.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich in einer solchen Situation einfach nicht schweigen kann. Wut über soviel Dummheit entlädt sich bei mir verbal. Trotzdem ist mir klar, dass meine Äußerung etwa den gleichen Effekt haben wird wie ein Tropfen auf heißen Stein. Ich fragte die Frau, ob ihr bewusst sei, daß Mißbrauch sehr wohl auch in Deutschland stattfindet, dies aber kein Thema der allgemeinen Volksbelustigung sei. Ich wollte soviel mehr sagen, doch es war unnötig. Die dumm glotzenden Augen, die Fragezeichen auf der Stirn, es war ihr nicht einmal peinlich, ich nehme an, sie wollte auch, dass alle anderen mithören, denn der Laden war mittlerweile etwas voller, sie redete sehr laut und ihr Lachen, die Tränen in den Augen… es war – wie im Film! Die weibliche Version, grinsende Fratze des Jack Nickolson in Einer flog über’s Kuckucksnest. Ich bin noch normal und lebe in Bremerhaven, holt mich hier raus.

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