Musikgourmet mit Radiostimme

Aufgrund eines langjährigen Auslandsaufenthaltes (12 Jahre USA) bin ich in meinem eigenen Land manchmal eine Fremde. Ich kann oder will mich dann nicht an ungeschriebene gesellschaftliche Gesetze Regeln halten oder deren verstaubte Normen anerkennen.

Es gibt immer wieder mal negative Resonanz, wohl auch  berechtigte Zweifel an meinen Chaostheorien, Ideen und einer offenen Lebenseinstellung. “ Du wirst es niemals schaffen“ oder „das geht in Deutschland so nicht“  oder „wir sind hier nunmal nicht in den USA“ sind Standardsätze, die man in Deutschland öfter hört als in den USA. Diese Zweifel sind meiner Meinung nach dazu da, es mir, nicht den anderen zu beweisen, dass es eben doch funktionieren wird. Was mir besonders am Herzen liegt sind Radio – und gute Musik.

Was ist gut? Gut ist relativ. Für ein großes Plattenlabel bedeutet gut heutzutage nicht mehr unbedingt, dass ein Künstler wirkliches Talent haben muss. Dank viel Studiotechnik, und ausgebufften Marketingstrategien kann heute Jeder von uns zum Stat avanchieren, dazu benötigt man nur eine Plattenfirma mit guten Marketingstrategien und Budget. Die Musikrichtung Nu soul oder Neo Soul war bei meiner Ankunft in Deutschland kaum bekannt. Einzelne Künstler aus diesem Genre hatten es bis dahin vereinzelt erfolgreiche Singles auf dem Markt und es zu internationalerer Anerkennung geschafft. Mir fehlte etwas und ich hatte Heimweh.

Musik hat für mich seit ich denken kann einen wichtigen Stellenwert. Wenn es mir nicht gut geht, lasse ich Badewasser ein, spiele meine Lieblings-CD. Wenn ich gute Laune habe, mache ich meine arbeit schneller und effizienter zu guter Musik und ich singe unter der Dusche mit,  zum Leid meiner Nachbarn.

Hatte ich in den USA damals Mix CDs, die heute komischerweise Mixtapes genannt werden selbst erstellt, so habe ich hier eine neue Möglichkeit, meine Passion mit musikalisch Gleichgesinnten Hörern zu teilen. Bereits vor meiner Ausreise in die USA (bis 1997) habe ich an einem lokalen Bürger-Radiosender eigene Radiosendungen produziert. Seit 2009 produziere ich wieder eine wöchentliche Radiosendung, wobei es mir besonders am Herzen liegt, dass weniger bekannte Interpreten und auch lokale Künstler einen großen Teil der Musik spiele, die ich für das Programm wähle.

Anfangs hieß es, an diesem Sender würde ich nur meine Zeit verschwenden, niemand hört den Lokalsender, auf dem im laufenden Programm, wenn niemand live sendet, sehr viel alte Musik aus den 80ern und 90ern läuft. Ich ließ mich nicht beirren und begann zu senden. Gleich in der ersten Radiosendung bekam ich 4 Anrufe. Hörer, die im Auto unterwegs waren und mich wissen ließen, dass sie das Musikprogramm sehr mögen. Auch ohne die ersten positiven Rückmeldungen hätte ich wahrscheinlich nicht so schnell aufgegeben, sondern kontinuierlich an Musik und Programm gearbeitet. Seitdem habe ich das Format etwas verändert, bin auf Vorschläge von einigen regelmäßigen Hörern eingegangen und gestalte heute eine englischsprachige Musiksendung, die man auch per Stream im Internet hören kann.

Soziale Netzwerke eigenen sich für kreative Medienmenschen wie mich dazu, sich nicht mit Hörern, sowie Künstlern auszutauschen und zu vernetzen. Ich bekomme Musik oder sogenannte EPKs – Pressemappen, recherchiere  und verbringe viel Zeit online, um Musik zu hören, die Sendung vorzubereiten und per Internet Informationen zu verbreiten. dabei hätte ich anfangs nie gedacht, wie interessant und abwechslungsreich diese Arbeit sein könnte. Ich eine sogenannte Flatrate in die USA und tausche mich regelmäßig telefonisch mit diversen, kleineren Plattenlabels, Produzenten und Künstlern aus, werde zu VIP Events geladen, stehe auf Gästelisten und erhalte Akkredition.

In einer kleinen Stadt wie dieser sind Zuständigkeiten längst verteilt, meine Arbeit wird manchmal auch mit Argwohn betrachtet, vielleicht steckt auch ein bischen Neid dahinter. Ich stelle für einzelne Wenige auch ein Ärgernis dar, Menschen, die mit dieser Art von Arbeit ihr täglich Brot verdienen und es so empfinden, dass ich mit etwas anmaße oder aneigne, was mir nicht zusteht. Im Gegensatz zu mir sind sie nicht so frei, können oder dürfen nicht frei über das berichten, was sie poesönlich bewegt oder interessiert.

Wenn man Quereinsteiger ist, eine Tätigkeit nicht von der Pike auf erlernt hat, ist es umso wichtiger, sich stets weiterzubilden, sich neue Fähigkeiten anzueigenen, gewissenhaft mit Medien und Menschen in Berichterstattungen umzugehen. Ich bin durchaus selbstkritisch, kann Kritik annehmen und sehe stets sogenannten Room for Improvement, es gibt immer etwas zu verbessern. Leider neige ich dazu, Ungerechtigkeiten und Dinge, die mir merkwürdig vorkommen offen anzusprechen. Bei einer Lokalpresse, die keinen Kritiker hat und gern Dinge schönt, die die Bürger der Stadt oft anders sehen, werden Menschen wie ich entweder belächelt, gefürchtet, oder absichtlich ignoriert.  Frei nach Berlusconi „Was es nicht im Fernsehen (den Medien) nicht gibt, existiert auch nicht“ existiere ich nicht, das wird noch eine Weile so bleiben. Ich habe nicht die Hoffnung oder das Anliegen, mit diesem Hobby endeckt, berühmt oder reich zu werden.

Bürgerrundfunk bietet die Möglichkeit für diverse Radioformate und Bürgerrundfunk bedeutet spezielle Genres und Themen, die im kommerziellen Runkfunk oder Fernsehen wenig Beachtung finden. Redakteure, Film und Radioproduzenten am Bürgersender sind meist (selbsternannte) Experten auf einem Gebiet. Ob sie erfolgreich sind (wobei Erfolg auch hier relativ ist, denn Quoten sind hier unwichtig) hängt auch davon ab, ob sie ihre Berichte authentisch rüberbringen, Ton und Technik beherrschen, eine angenehme Stimme haben und es schaffen, ihr Publikum zu unterhalten. Man sollte vermeiden, Bürgerrundfunk mit kommerziellen Sendern zu vergleichen, zum Beispiel dann, wenn man an der Tonqualität mäkelt, dazu hinreißen lässt, sog. Public Media mit kommerziellen und großen privaten Sendern zu vergleichen.

Dabei weiß ich nach eigener Erfahrung, dass Public Access TV / Public Access Radio in den USA einen viel höheren Stellenwert haben und dort nicht müde belächelt werden. Ähnlich sieht es bei den Collegeradiosendern aus, die hungrige, sehr junge Redakteure haben, die vor den kommerziellen bereits mitentscheiden, welche Single ein Hit wird, denn ihre hörer sind Studenten, die aus allen Teilen der USA an der jeweiligen Uni eingeschrieben sind. Dise jungen Radiomacher entdecken neue, noch unentdeckte Talente aus ihrer Region, spielen die künftigen Hits und machen LiveInterviews mit den Interpreten, oftmals weit bevor ein kommerzieller sender das Lied in die Sogenannte Rotation aufnimmt. So war es für mich bisher das schönste Lob, dass ein amerikanischer DJ aussprach, „Ihr macht dort gro-artige dinge in Deutschland für unser Genre von Musik.“ Er hatte irgendwo im internet den Livestream der Sendung entdeckt, und war überrascht, dass es eine Sendung war, die in Deutschland produziert wird. So wie er sind es meist unbekanntere, aber sehr talentierte Künstler , die das schätzen, was ich in meinen kleinem Rahmen mit begrenzten Mitteln tun kann, damit ihre Musik im Radio läuft. Da ich selbst keine Sängerin bin weiß ich nicht, was für ein Gefühl es ist, sein eigenes Lied im Radio zu hören, nach viel Arbeit und Herzblug Anerkennung zu bekommen. Die authentischen, menschlichen Begegnungen und kontakte, die ich über die Musik und das Medium Radio schließen durfte, sind Teil meines Lebens was ich hier in Deutschland nicht mehr missen möchte.

Ja, ich vermisse noch immer die Musik der kommerziellen Radiosender und der Collegesender in den USA, Autofahren, ohne je eine CD zu benötigen, denn irgendwo läuft immer ein gutes Programm. Die verrauchten Jazzclubs in versteckten seitenstraßen mit nackten klinkern an den Wänden und dunklem Ambiente. Discos, in denen weltbekannte Künstler Seite an Seite mit dem Publikum feiern und die konzerte am Hafenbecken in Baltimore, denen man aus der Ferne auch lauschen konnte, ohne Eintritt zu zahlen. Hip Hop Clubs in die sich außer mir wahrscheinlich noch nie eine weiße Frau getraut hat, in denen sich Rap Battles geliefert werden, raw und ungeschminkt, Worte, die schmerzen wie eine AK47, weil so realitätsnah und authentisch. Studenten, die sich zu Open Mic und Slam Poetry Veranstaltungen in gediegener Atmosphäre treffen, dabei nebenbei ihre Hausaufgaben machen oder in einer dunklen Ecke philosophieren.

Ein kleines Stück USA trage ich weiterhin mit mir und bis hierher, in die Welt, nach Norddeutschland. Die Erfahrung, DJ Roc Raida live in Baltimore erlebt haben zu dürfen, Lalah Hathaway ( Tochter des legendären Sängers und Aktivisten Donnie Hathaway) ein dem grandiosen Konzertsaal Constitution Hall oder diverse Künstler an einem einzigen Abend, für  20 Dollar, wobei ich gern für jeden von ihnen das 4fache gezahlt hätte um nur einen von ihnen einmal erleben zu dürfen, das nimmt mir niemand. Die Subways Brooklyns,voll von wunderbaren Straßenmusikern oder singende Arbeiter in einem Konfektladen, der auch die Mitglieder von R&B Gruppe Dru Hill hervorgebracht hat… waren etwas ganz besonderes, Lieder und Erinnerungen sind Teil des Soundtracks zu meinem Leben. Ich freue mich bereits auf Volume 2, the Europe Experience! 

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